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Gedanken zum Wandel unserer Gesellschaft

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Ich liebe Diskussionen mit offenem Ende. Ich freue mich über Gespräche, bei denen ich etwas lernen kann. Es gab eine Zeit, in der das anders war. Ich war zu müde, konnte mich nicht aufraffen und habe meinen müden Kopf lieber auf ein schönes, kühles Kissen gebettet und mich berieseln lassen. Das mag ich allerdings nach wie vor, aber diese Berieselung ist nicht mehr flach und lässt mich nicht abstumpfen.

Letztens hatten wir Freunde zu Besuch und haben viele Stunden über die Entwicklung der Gesellschaft gesprochen. Die Fragen, die dabei aufkamen, waren: „Warum sind wir so anders als unsere Eltern und werden unsere Kinder das auch irgendwann mal sagen?“ und „Darf man (so wie wir) zu fast allen Themen eine andere Meinung haben, oder schadet das neuerdings?“

Ich zäume das Pferd von hinten auf und lasse euch teilhaben an dem Ergebnis unserer gestrigen Diskussion.

Könnt ihr euch noch an die Zeit erinnern, in der wir zur Schule (Sekundarstufe 2) gingen und es Grüppchen gab in den Pausen? Da waren die Kinder reicher Eltern, die Barfußläufer, die Gitarrenspieler, die Raucher, die Träger schicker Markenklamotten, die Streber, die Sportler, die Segler, die Fußballer und die ewig Müden vom zu vielen Arbeiten und Party machen (so wie ich). Ich bin nicht besonders gerne zur Schule gegangen, habe aber im letzten Jahr so rangeklotzt, dass ich ein ziemlich gutes Abi gemacht habe. Genauso werden das vermutlich unsere Kinder machen, aber das ist ein anderes Thema.

Wir waren alle grundverschieden und hatten privat und in den Pausen wenig miteinander zu tun. Aber es gab einen Grundrespekt jedem einzelnen Mitschüler gegenüber und im Grunde haben wir uns auch gegenseitig bewundert für die Konsequenz, mit der wir alle unsere Überzeugungen vertreten haben. Am Wochenende waren die einen auf den Bahnschienen zur Verhinderung des Abtransportes von Atommüll nach Gorleben und die anderen auf dem Sportplatz, mit der Nase in ihren Büchern, auf Partys oder bei der Arbeit. Diskussionen, die in der Schule oder auch außerhalb stattfanden, waren immer respektvoll und sie waren spannend, denn jede Seite hatte etwas zu lernen. Genau dieser gegenseitige Austausch und Respekt ist einer der Grundpfeiler einer gesunden Gesellschaft. Wenn alle Menschen gleich wären, würden wir uns nicht weiterentwickeln. Es gibt immer diejenigen, die eine Gruppe ziehen, die Teamplayer und Gruppenmitglieder, die von den anderen getragen werden. Das extra hierfür geschaffene Sozialsystem muss dieses aushalten und ausgleichen.

Unser Bild heute weicht massiv von diesem gesunden Zustand ab.

Warum ist das so?

Was wir beobachten, ist eine immer flacher werdende Diskussionskultur, weil Meinungen vorgegeben sind und Abweichler aus der Gruppe ausgeschlossen werden. Die Menschen werden gleicher durch gleichgeschaltete Medien, die immer und überall zur Verfügung stehen und auch sichtbar immer und überall genutzt werden. Jeder hat zu allem eine Meinung und weicht von dieser bei festgelegtem Weltbild auch nur schwer bis gar nicht ab.

Ich liebe Diskussionen, aber das Ziel vieler Mitmenschen ist nicht das gemeinsame Wachstum als Gesellschaft, sondern der kleine tägliche Sieg eines Streits im Netz. Dafür werden Phrasen abgesondert, Menschen diffamiert und mundtot gemacht. Am Ende stehen sie allein da, fühlen sich aber nicht allein, denn sie haben ja Tausende virtuelle Freunde. Wir wünschen uns, dass die Menschen wieder näher zusammenrücken.

Wie kann das gehen?

Zweifel nicht an den Worten der Menschen, die einen wichtigen Teil in dem Leben ausmachen, nur weil ihre Meinung von deiner abweicht.

Unterhaltet euch nicht nur virtuell.

Nehmt euch Zeit, denn Zeit ist kostbarer als Besitz und noch kostbarer ist die Energie, die wir aussenden, wenn wir gemeinsame Zeit miteinander verbringen.

Die Welt wird eine bessere sein, wenn wir uns nicht auseinandertreiben lassen von Meinungsmachern, die gutes Geld damit verdienen, dass wir eine gespaltene Gesellschaft sind, in der jeder zum Trost shoppen geht, sich belohnt für zu vieles Arbeiten.

Worauf warten wir?

Ich habe die Offlinezeit mit unseren Freunden sehr genossen und es ist eine Frage des Respekts, sich selbst gegenüber, sich diese Zeit jeden Tag zu nehmen.

Ja, es ist meine Nase, an die ich mir fasse. Ich bin auch zu viel online, aber ich liebe es, mich weiterzubilden und bin somit noch lange nicht frei davon.

Wir möchten Vorbilder für unsere Kinder sein und ein Text wie dieser entsteht für unsere Töchter, damit sie sich später nicht fragen müssen, ob wir eigentlich stolz auf sie sind, denn sie sind der Grund für unseren Kampf gegen das Zerbrechen unserer Gesellschaft und für den bedingungslosen Respekt und die Liebe für alle Erdenbewohner.

1 Antwort
  1. Christoph Heckenbuecker
    Christoph Heckenbuecker says:

    Liebe Mariam, Du sprichst mir aus der Seele mit Deinem Beitrag. Es ist vor allem deswegen so wichtig wieder in eine gute Diskussionskultur zu kommen (und das am besten real Gesicht zu Gesicht) weil es eine Weiterentwicklung in der Evolution immer nur in Symbiose gab und nicht in der Abgrenzung. Genau diese Abgrenzung formiert sich aber politisch gerade. Anstatt Mauern einzureissen werden wieder welche aufgebaut. Ich persönlich empfinde es so, dass wir genau an dem Scheidepunkt sind. Entweder nutzen wir die Chance auf eine offenen Gesellschaft oder wir lassen uns selbstverschuldet in unseren persönlichen Freiheiten komplett einschränken. Ich habe zum 1. Januar Facebook und Whatsapp hinter mir gelassen. Es ist erstaunlich was für wunderbare neue Begegnungen in der realen Welt entstanden sind. Wieviel Zeit man wieder hat. Und es geht auf zu neuen Projekten in einer Gemeinschaft mit anderen. Das macht richtig Spaß und entfaltet auch viel mehr Wirkung.

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